Ein präziser Blick auf die audiovisuelle Schweiz
Inventarprojekt zeigt Herausforderungen für audiovisuelle Erinnerungskultur
Von Cécile Vilas, Direktorin Memoriav
Bulletin 2/2026 – In Gefahr?, 15. Juni 2026Audiovisuelles Kulturerbe ist in vielfacher Hinsicht bedroht: Die fragile Materialität der Dokumente, aber auch die fehlende «Patrimonialisierung» und die unterschiedlichen Provenienzen können es gefährden. Mit einem Inventarprojekt analysiert Memoriav die Situation und erarbeitet Lösungen.
Für die Schweizer Erinnerungskultur wertvolle Fotografien, Filme, Ton- oder Videodokumente sind praktisch überall zu finden, nicht nur in grösseren Gedächtnisinstitutionen. Das hat zur Folge, dass die Erhaltung des audiovisuellen Kulturerbes der Schweiz komplex ist und besonderer Massnahmen bedarf. Memoriav, die Kompetenzstelle für das audiovisuelle Kulturerbe der Schweiz, ist sich dieser Situation schon lange bewusst, vor allem durch die langjährige Arbeit im Bereich der Projektförderung und Beratung. Durch ein schweizweit durchgeführtes audiovisuelles Inventarprojekt, das 2022 gestartet ist und an dem sich in der Zwischenzeit 21 Kantone beteiligen, wird der Blick auf die audiovisuelle Schweiz und deren Herausforderungen geschärft.

Workshop zum Umgang mit privatem audiovisuellem Kulturerbe in Olten im Rahmen des Inventarprojekts im Kanton Solothurn. © Memoriav
Das Inventarprojekt will nicht nur vorhandene audiovisuelle Dokumente aufspüren und ausweisen, sondern auch verschiedene Gefährdungssituationen identifizieren, um gezielte Massnahmen planen zu können. So ist das Inventar auch ein breit angelegtes Sensibilisierungsprojekt, bei dem im Rahmen von Veranstaltungen und Workshops auf den Wert von audiovisuellen Dokumenten hingewiesen wird. Denn oft sind diese in privaten Händen und werden nicht als mögliches Kulturgut wahrgenommen oder es fehlen entsprechende Erhaltungsmassnahmen.
Bei der Befragung stehen deshalb sowohl Gedächtnisinstitutionen als auch andere Partner im Fokus. Dazu gehören Vereine, Nachlassstiftungen, religiöse Gemeinschaften oder Unternehmen. Seit Projektbeginn wurden rund 18’000 Fragebogen versandt, um die audiovisuelle Schweiz möglichst feinmaschig zu analysieren.
Enge Zusammenarbeit mit den Kantonen
Das Projekt wird in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen durchführt. Basierend auf den Vorgaben von Memoriav bestimmen sie die Adressaten der Befragung. Die kantonale Projektleitung wird jeweils vom Staatsarchiv oder der Kantonsbibliothek übernommen. Die operative Durchführung liegt in Händen von «Scout-Personen».
Nebst der eigentlichen Befragung finden Workshops statt, um die Bevölkerung für das Projekt und für den Umgang mit dem privaten Kulturerbe zu sensibilisieren. Diese Basisarbeit wird auch gemacht, um bisher unbekannte Bestände zu identifizieren, ja auch um Schätze zu heben. Memoriav begleitet die Kantone, schafft die Verbindung zum Gesamtprojekt und garantiert das Datenmanagement. Zusätzlich wurden 20 national tätige Gedächtnisinstitutionen befragt.
Wo finden sich die Resultate?
Die quantitativen Resultate werden auf dem Portal Memobase visualisiert.1 Die Kantone verfassen Abschlussberichte, die sowohl die erhobenen Zahlen interpretieren als auch Herausforderungen und Beobachtungen rund um die bestehenden – oder zu schaffenden – Massnahmen und Strukturen formulieren. Für Memoriav ist deshalb der enge Austausch mit den Kantonen sehr wichtig.
Das Projekt hat auch das Ziel, die Strategien, Zuständigkeiten und Sammlungskonzepte der Kantone zu analysieren, und, wo möglich, auf der Basis der Erkenntnisse zu verbessern.2 Ein besonders erfreuliches Beispiel kann aus dem Kanton Luzern berichtet werden: Unterstützt durch Erkenntnisse aus dem Inventar, hat Memoriav ein Transformationsprojekt unterstützt, das die Schaffung einer Fachstelle für audiovisuelles Kulturgut an der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern ermöglicht hat.

Audiovisuelles Kulturerbe in Gefahr: Bild- und Tondokumente eines Musikliebhabers in einer Scheune im Greyerzbezirk des Kantons Freiburg. © Memoriav
Neue Herausforderungen
Schweizweit gibt es sehr viele Institutionen – Staatsarchive, Kantonsbibliotheken und Museen – die sich professionell um das audiovisuelle Gedächtnis ihres Kantons kümmern, auch wenn es im Bereich von Absprachen und Koordination noch Entwicklungspotenzial gibt. Doch das Inventar zeigt auch, dass noch sehr viel interessantes Material in kleinen Institutionen, Vereinen oder Nachlassstiftungen aufbewahrt wird. Daraus entstehen zahlreiche Herausforderungen, denn diese kleineren Institutionen müssen entsprechend beraten und unterstützt werden. Memoriav hat dafür die «Kleinen Projekte» eingeführt. Sie dienen der Planung, können aber auch für Sofortmassnahmen eingesetzt werden.
Die Resultate des Inventarprojekts haben noch andere Herausforderungen sichtbar gemacht: Zu nennen sind beispielsweise Sammlungslücken, das heisst Lücken in der Überlieferungspraxis: So werden audiovisuelle Dokumente von Migrantinnen und Migranten, aus religiösen Gemeinschaften oder auch aus Unternehmensarchiven noch zu wenig systematisch beachtet und gesammelt. Hier könnten zukünftige Gedächtnislücken drohen, wenn die Überlieferungspraxis nicht angepasst wird.
Doch auch andere Gefahren sind dank des Inventars sichtbarer geworden: Die langfristige Erhaltung von digitalem audiovisuellem Kulturerbe erfolgt vielerorts noch zu wenig nachhaltig: Es werden noch zu oft unsichere Träger (z.B. UBS-Sticks) verwendet oder es fehlt ein Konzept. Auch analoge audiovisuelle Träger werden nur sehr punktuell in klimatisch korrekten Räumen untergebracht und sind damit in Gefahr.
Generell lässt sich festhalten, dass das audiovisuelle Kulturerbe in seiner grossen Diversität und in seiner Rolle als zentrale Quelle unserer Zeit gefährdet ist, wenn nicht gemeinsame Lösungen gefunden werden. Es braucht Infrastrukturen für die analoge und die digitale Langzeiterhaltung. Kleinere Institutionen müssen bei Erhaltungsfragen im Sinn der kulturellen Teilhabe unterstützt werden. Schliesslich benötigt das audiovisuelle Kulturerbe auch eine verlässliche Finanzierung, an der sich die Institutionen, die Kantone, Memoriav und private Geldgeber beteiligen.
Memoriav verfolgt die beschriebenen Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen. So führt Memoriav am 19. November 2026 einen Kongress zum Thema «Fördermodelle» durch.