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Fabrikbauten wiederbeleben

Erhalt und Umnutzung des industriellen Erbes in der Stadt Biel

Abriss stoppen, umnutzen, weiterbauen – in Biel zeigt das Komitee «reUsine», wie sich die im Stadtbild verankerte Industriearchitektur bewahren lässt. Erste Erfolge nähren den weiteren Einsatz. Die Gefahr ist jedoch noch nicht gebannt.

 

Fabrikbauten erzählen die Industriegeschichte der Stadt Biel. Shedhallen der Vereinigten Drahtwerke in Biel-Mett. © Dirk Weiss

 

Biel. Ein Stadtteppich, durchsäht mit grossen und kleinen Fabrikationsstätten, Ateliers, Fabrikgebäuden und grossen Industriearealen. Nicht nur mit dem Aufschwung der Uhrenindustrie gegen Ende des 19. Jahrhunderts manifestierte sich dieses Bild einer Durchmischung von Wohnhäusern und Fabriken, auch bedeutsame Firmen wie die Vereinigten Drahtwerke, die Maschinenfabriken Mikron und Hauser, der Fahrradhersteller Cosmos, die Biennophone und die Pianofabrik Burger & Jacobi wurden in Biel gegründet und liessen sich im Stadtzentrum nieder.

Die damaligen Industriebauten zählen zu den besten architektonischen Leistungen aus dieser Zeit. Dazu gehören die Bauten von Uhrenfirmen wie Rolex und Omega. Als Pionierleistung des modernen Fabrikbaus in der Schweiz bezeichnet werden die stützenfreien Montagehallen und das Verwaltungsgebäude der europäischen Niederlassung der General Motors. Die Bauten im Stil der Moderne stehen als Kulturgut von nationaler Bedeutung unter Denkmalschutz. Aber auch weniger bekannte Fabrikbauten, die vielmals nicht in einem Inventar aufgeführt sind, zeugen von Qualität und erzählen Industriegeschichte. Geschwungene Fassaden prägen die Bauten der Hauser AG und der Mikron AG, die lang gezogene Bulova-Werkhalle beeindruckt mit Eleganz und die Vereinigten Drahtwerke in Biel-Mett mit bautechnisch innovativen Shedhallen.

 

Industriegeschichte ausgelöscht

Seit den Wirtschaftskrisen der 1970er- und 1990er-Jahre und mit dem Wunsch nach Wachstum verschwinden die für Biel so bezeichnenden Fabriken nach und nach aus dem Stadtbild. Kleine Industriegebäude, erhaltenswerte Werkhallen und riesige Industrieareale werden durch teils eintönige Wohn- oder Bürobauten ersetzt: Unwiederbringlich wird ein wichtiges Stück Stadtgeschichte ohne sichtbare Opposition aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht. Mit dem Verlust an Nutzungsvielfalt und öffentlichem Charakter geht zudem jene Urbanität verloren, die für städtisches Leben – nicht zuletzt auch wirtschaftlich – so zentral ist. Zeitgemässe Überlegungen zu gesamtheitlicher Nachhaltigkeit und ein Bewusstsein dafür fehlen.

Der letzte grosse Abriss fand erst kürzlich statt: 2023 wurde das ehemalige Mikron-Areal für einen Neubau rückgebaut – ein im Quartier verankertes und identitätsstiftendes Konglomerat, das nach dem Auszug des Unternehmens über Jahre von Hunderten als kreativer Arbeitsort genutzt worden war. Das Gefühl der Ohnmacht, dem nächsten Abriss tatenlos zusehen zu müssen, veranlasste eine kleine Gruppe von Historikerinnen und Architektinnen zur Gründung des Komitees «reUsine». Das Komitee engagiert sich für den Erhalt und die sinnvolle Umnutzung des substanziell bedeutsamen industriellen Baukulturerbes. Rasch durfte das Komitee mehr als 1400 Mitunterstützende zählen. Gerade der Abriss des Mikron-Areals liess viele Bielerinnen und Bieler aufhorchen, da dort die Industriegeschichte, verbunden mit unzähligen emotionalen Erinnerungen an die ursprünglichen Werkstätten, verloren ging.

 

Die Shedhallen der Vereinigten Drahtwerke sind bereits zu mehr als der Hälfte abgebrochen. © Matthias Grütter

 

Ressourcen nutzen

Angetrieben von der Dringlichkeit, den Verlust des Bieler Industrieerbes zu stoppen, engagiert sich das Komitee «reUsine» in drei Bereichen: der Sensibilisierung von Politik, Behörden, Eigentümerinnen und Planenden, dem Erkennen und Festhalten der noch vorhandenen Fabrikbauten im Stadtkern sowie dem Aufzeigen des vielfältigen Potenzials der Areale und Bauten. Die bestehenden Industriegebäude sind nicht nur identitätsstiftende Zeugnisse der Stadtgeschichte, sondern auch wertvolle Ressourcen. Ihre Vernichtung ist eine Verschwendung grauer Energie.

Das Weiterbauen im Bestand erfordert innovative Instrumente und Reglemente für die Stadtentwicklung. Es wurde ein Austausch mit der Politik und der Stadtplanung etabliert, was bereits Wirkung zeigt. Die Stadt Biel bekräftigt auf ihrer Website: «Ein reiches industrielles Erbe, das es zu bewahren gilt.»

 

Erste politische Erfolge

Seit zwei Jahren liegt ein von «reUsine» und der Stadtverwaltung erarbeiteter Entwurf zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der Auftraggebenden vor – in Form einer Charta. Ein überparteilicher Vorstoss brachte das Anliegen in den Bieler Stadtrat, der den Gemeinderat damit beauftragte, aufzuzeigen, wie das Industrieerbe künftig in die Stadtplanung integriert werden kann. Doch konkrete Vorschläge lassen noch auf sich warten.

Im Dialog mit der Stadtbehörde entstand 2024 eine strategische Studie für die Siedlungserneuerung. Der Schwerpunkt liegt auf einer Einschätzung verschiedener Quartiertypologien mit Berücksichtigung, Einordnung und Wertschätzung des gewerblich-industriellen baukulturellen Erbes der Stadt. In einem frisch lancierten Stadtentwicklungskonzept sollen wichtige Instrumente zum Erhalt des kulturellen Erbes aufgezeigt werden.

 

Ehemalige Maschinenfabrik Mikron in Biel, aufgenommen 2022. Der Abriss im Jahr 2023 gab den Anstoss zur Gründung des Komitees «reUsine». © Dirk Weiss

 

Weiterhin in Gefahr

Auf seiner Website zeigt «reUsine» ohne Vollständigkeitsanspruch, wo und wie viele Fabriken bereits abgerissen wurden, welche umgenutzt wurden und welche vom Abriss bedroht sind. In Gefahr stehen weiterhin zu vielen Fabriken, so zum Beispiel die Heizzentrale der General Motors, die sich im Besitz des Kanton Bern befindet. Dieser Teil der General-Motors-Bauten wurde nicht ins Inventar der schützenswerten Bauten aufgenommen. Das zum Glück verhinderte Autobahnprojekt Westast A5 mitten durch die Stadt Biel hätte einen Abbruch zur Folge gehabt. Nun dämmert ein wichtiges Relikt der einstigen Automobilproduktion vor sich hin. «reUsine» ist besorgt.

Mehr als zur Hälfte bereits abgebrochen sind die Shedhallen der Vereinigten Drahtwerke in Biel-Mett. Vorschläge aus einem Architekturwettbewerb sowie Gespräche mit der Stadt Biel und den Investoren eines Neubauquartiers konnten die als erhaltenswert eingestufte, geschichtsträchtige Halle weder sichern noch in das geplante Quartier einbinden. Und doch scheinen die Bemühungen nicht vergeblich: Statt wie im Gestaltungsplan vorgesehen alle 22 Sheddächer abzubrechen, wurde nun eine Studie zur Umnutzung der letzten sechs verbleibenden Sheds in Auftrag gegeben. «reUsine» bleibt hoffnungsvoll.

Eine verpasste Chance ist der Abriss einer eleganten Druckerei am Grillenweg in Biel-Bözingen. Mit einem kreativen Konzept konnte ein Investor, der bereits seit drei Jahren einen Ersatzneubau plante, davon überzeugt werden, ein neues Projekt bei der Stadt einzureichen – mit vergleichbarer Ausnutzung, jedoch ausserhalb der reglementarischen Planungsvorgaben. Die Bewilligungsbehörde winkte ab: zu kompliziert, zu aufwändig. «reUsine» bedauert dies, bleibt aber zugleich zuversichtlich – auch auf Investorenseite ist eine wachsende Offenheit spürbar.

 

Neu belebt als Schulraum

Wie aus der Not eine Tugend wird, zeigt eine ehemalige Maschinenbaufirma im Madretschquartier. Sie wurde nach langjähriger Zwischennutzung zu einem städtischen Schulgebäude umgebaut. Das Erdgeschoss beherbergt eine Turnhalle – nicht nach den Sportnormen. Eine gelungene Umnutzung eines Fabrikgebäudes aus den sechziger Jahren! Die Stadt Biel zeigte Mut – und wurde dafür mit der «Auszeichnung Berner Baukultur» belohnt. «reUsine» ist begeistert.

Zudem veröffentlichte die Stadt kürzlich ihre Absicht, ein weiteres Industriegebäude zu erwerben und dieses als Provisorium für die Stadtbilbiothek zu nutzen und später einer langfristigen Umnutzung zuzuführen. «reUsine» gratulierte zum Entscheid.

Es gibt also erste Anzeichen, dass die Anliegen des Komitees ernst genommen werden. «reUsine» bleibt dran. Das reichhaltige industrielle Erbe bietet ein grosses Potenzial für eine lebendige, zeitgemässe identitätsstiftende und nachhaltige Stadtentwicklung.