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Mehr als heisse Luft

Wie der Klimawandel das baukulturelle Erbe bedroht

Der Klimawandel beschleunigt nachweislich Prozesse, die materielle Schäden an Denkmälern verursachen. In der Schweiz fehlen bislang systematische Untersuchungen zu den Wirkungsmechanismen ebenso wie konkrete Handlungsempfehlungen und Aktionspläne. Ein grossangelegtes Verbundprojekt setzt genau hier an.

 

Die Auswirkungen des Klimawandels betreffen die Schweiz deutlich und in zunehmendem Masse. Im Alpenraum ist die Erwärmung seit dem späten 19. Jahrhundert doppelt so stark angestiegen wie im weltweiten Durchschnitt. Dies hat in Natur, Gesellschaft und Wirtschaft bereits spürbare Veränderungen ausgelöst – ein Trend, der sich weiter fortsetzt. Die Sommer werden heisser und trockener, die Winter schneeärmer und niederschlagsreicher. Starkregen treten häufiger und intensiver auf, Gletscher schmelzen und der Permafrost taut auf. Diese Entwicklungen wirken sich auch auf das baukulturelle Erbe aus.

Abb. 1: 2024 verwüstete ein Erdrutsch das Bavonatal. Auch die Cappella San Michele wurde Opfer der schweren Unwetter. © Fondazione Valle Bavona

Naturgefahren und «progressive Klima-Ereignisse»

Inzwischen vergeht kaum ein Jahr ohne grossflächige Überschwemmungen, massive Bergstürze und Erdrutsche sowie heftige Stürme, die mit dem Klimawandel in Verbindung gesetzt werden. Sie bedrohen das baukulturelle Erbe direkt und für alle sichtbar (Abb. 1). Neben diesen in der Fachsprache als «Extremereignisse» bekannten Naturgefahren nehmen auch die sogenannten «progressiven Klima-Ereignisse» stetig zu. So werden schleichende Veränderungen bezeichnet, deren Auswirkungen sich erst nach und nach zeigen. Hierzu zählen erhöhte Temperaturen und Luftfeuchtigkeit, veränderte Niederschlagsmuster und zunehmende Temperaturschwankungen. Diese Klimafaktoren tragen dazu bei, dass sich Baumaterialien schneller abbauen. Als besonders gefährlich gilt das Zusammenspiel zwischen den beiden Phänomenen: Langsame Schäden führen zu einer dauerhaften Schwächung der Substanz historischer Gebäude, wodurch sie anfälliger für akute Extremereignisse werden.

 

Klimafaktoren und ihre Wechselwirkungen

Nicht alle Klimafaktoren beeinflussen historische Bauten in gleichem Ausmass. Die grösste Gefahr geht heute und in Zukunft von Wasser, Wind und Temperatur aus. Schwankungen der See- und Grundwasserspiegel sowie zunehmende Überflutungen führen vermehrt zu Setzungen, verminderter Stabilität und feuchten Kellern. Stürme, Hagel und Starkregen beschädigen Dächer, Fassaden und Fenster und bringen Entwässerungssysteme an ihre Grenzen (Abb. 3). Eine langfristige Folge sind durchnässte Bauteile und anhaltende Probleme mit Feuchtigkeit. Zunehmende Temperaturschwankungen verursachen thermische Spannungen und Rissbildungen, was die mechanische Verwitterung von Stein und Beton beschleunigt. Kondenswasser sowie ein intensiverer Frost-Tau-Zyklus verstärken diesen Prozess zusätzlich. Davon sind bereits heute dachlose Bauten wie Burgruinen besonders betroffen. Hitzeperioden und Trockenheit schwächen traditionelle Pflanzenarten in historischen Gärten. Invasive Arten ohne natürliche Feinde breiten sich ungehindert aus. Feucht-warme Umgebungen begünstigen Holzschädlinge wie Hausbock, Holzameisen und Nagekäfer (Abb. 2). Auch Algen, Moose, Flechten und Schimmelpilze wachsen unter diesen klimatischen Bedingungen schneller.

 

Abb. 2: Die berühmte Bilderdecke aus dem 12. Jahrhundert von St. Martin in Zillis kämpft mit Nagekäfern, die sich im feucht-warmen Klima ausbreiten. © Andreas Franz, Arge Kirche Zillis, Franz + Rampa / Stiftung Kirchendecke Zillis

 

Gefahr und Chance?

Zurzeit scheinen die Gefahren, die vom Klimawandel ausgehen, die Chancen, die mit ihm einhergehen, deutlich zu überwiegen. Dennoch ist festzuhalten, dass höhere Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster auch positive Effekte auf das Makro- und Mikroklima haben können. Sie können aus der Vergangenheit bekannte Anfälligkeiten abschwächen. So werden zum Beispiel Frostschäden in tiefen Lagen zurückgehen; gleichzeitig ist in hohen Lagen mit einer Zunahme zu rechnen, weil sich hier der Frost-Tau-Zyklus beschleunigt.

Auch die Bekämpfung des Klimawandels – etwa die Reduktion der Treibhausgasemissionen oder die Anpassung bestehender Systeme – bringt sowohl Vor- als auch Nachteile für das baukulturelle Erbe mit sich. So hat sich die Luftqualität seit den 1990er-Jahren deutlich verbessert. Ressourcenschonendes Bauen fördert die langfristige Erhaltung bestehender Bausubstanz. Auch Massnahmen zur Förderung der Biodiversität und zur Vermeidung urbaner Hitzeinseln verbessern das lokale Klima nachhaltig, wovon das baukulturelle Erbe profitiert. Demgegenüber kann es durch nicht denkmalgerechte Anpassungsmassnahmen im Gebäudebereich – etwa durch übermässige Dämmungen oder unpassend gestaltete Dachaufbauten – erheblich beeinträchtigt werden.

 

Klimaschutz für das baukulturelle Erbe

In der Schweiz ist der Schutz vor Naturgefahren gut etabliert und folgt den Prinzipien des integralen Risikomanagements. Zentrale Grundlage bilden flächendeckende Gefahrenkarten, welche die bekannten Risiken differenziert abbilden. Ergänzend kommen präventive Massnahmen wie Schutzbauten, Monitoring und Informationsarbeit zum Einsatz. Für den Ereignisfall stehen Führungsstäbe und Blaulichtorganisationen bereit, während Versicherungen im Schadensfall die finanziellen Risiken absichern.

Der Schutz vor «progressiven Klima-Ereignissen» hingegen ist lückenhaft. Im Denkmalbereich werden die Folgen dieser schleichenden Veränderungen meist erst wahrgenommen, wenn bereits erhebliche Schäden eingetreten sind. Häufig werden sie zudem nicht mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht, obwohl nachgewiesen werden kann, dass progressive Klima-Ereignisse Schadensprozesse beschleunigen. Allerdings wirken Klimafaktoren nie isoliert auf ein Bauwerk ein. Schadensbilder entstehen in komplexen Abhängigkeiten von Erhaltungszustand, Vorbehandlung und Mikroklima. Diese Mechanismen wurden bisher kaum untersucht. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Schweiz Pflegepläne und Wartungsroutinen selten systematisch eingesetzt werden. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass der fortschreitende Klimawandel das baukulturelle Erbe der Schweiz akut bedroht. Das Ausmass dieser Gefährdung ist jedoch weitgehend unbekannt. Es fehlt an Forschung, Prävention und Sensibilisierung.

 

Abb. 3: Wasserspeier am Berner Münster unter Starkregen. © Berner Münster-Stiftung

 

Risiko und Resilienz

Das vom Bundesamt für Kultur unterstützte Forschungsprojekt «Neue Erhaltungsstrategien für klimaresilientes baukulturelles Erbe» will Abhilfe schaffen. Ein interdisziplinäres Team der Hochschule der Künste Bern (HKB), der Scuola Universitaria professionale della Svizzera italiana (SUPSI) und der Haute Ecole Arc untersucht, wie ein integrales Risikomanagement für das baukulturelle Erbe ausgestaltet werden müsste. Es verknüpft erstmals für die Schweiz Klimaszenarien systematisch mit objektbezogenen Risikoanalysen und Erhaltungsstrategien für Baudenkmäler. Anhand von 20 Fallstudien wird eine Herangehensweise entwickelt, um Klimarisikofaktoren zu ermitteln und in einer vertieften Vulnerabilitätsbeurteilung konkrete Anpassungsoptionen vorzuschlagen. Dringende präventive und stabilisierende Massnahmen werden direkt umgesetzt, Wartungsroutinen und Prozesse für eine Langzeitbeobachtung definiert. Statt entstandene Schäden reaktiv zu beheben, erlaubt dieses Vorgehen Schadensprävention. Es schont die historische Substanz und erzeugt tiefere Gesamtkosten.

Eigentümerschaften, Expertinnen und Experten, kantonale Fachstellen, Verwaltung und Politik werden eng in die Forschungsarbeiten einbezogen. Eine breitere Öffentlichkeit wird in einem Citizen-Science-Teilprojekt adressiert. Die Erkenntnisse aus den Fallstudien münden in ein modulares Praxistool. Es enthält Methodensammlungen, Leitfäden, Good Practice Beispiele sowie ein längerfristig buchbares Angebot an Kursen und Weiterbildungen für Fachstellen, Fachpersonen und Eigentümerschaften. Zuhanden der Politik wird ein Weissbuch neue übergeordnete Strategien entwerfen. Damit werden erstmals für die Schweiz Instrumente zur Verfügung stehen, die es erlauben, die Auswirkungen des Klimawandels auf das baukulturelle Erbe vorherzusagen und die nötigen Massnahmen zu ergreifen.

Literatur und Links

Europäische Tage des Denkmals

Das Forschungsprojekt «Neue Erhaltungsstrategien für klimaresilientes baukulturelles Erbe» wird im Rahmen der europäischen Tage des Denkmals vorgestellt. Rendez-vous am 13. September 2026 in Locarno, Kirche Santa Maria in Selva, 10–12 Uhr und 14–16 Uhr.

kulturerbe-entdecken.ch