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Bulletin 4/2020, «Kultur erben»

Ausgabe vom 7. Dezember 2020

Kultur erben
Ich bin eine Kulturerbin. Was für ein schönes Wort. Erben bedeutet schliesslich, etwas geschenkt zu bekommen. Und noch besser: Die negative Konnotation, die beim Wort «erben» mitschwingen kann, trifft beim kulturellen Erbe nicht zu. Es muss niemand sterben, damit geerbt werden kann und auch die Chancengleichheit bleibt gewahrt. Alle erben das Gleiche und gleich viel. Tatsächlich? Haben alle Erbinnen und Erben den gleichen Zugang zu ihrem Erbe? Oder wird es gewissen Menschen verwehrt, weil sie entweder nichts von ihm wissen, weil sie es zwar zur Kenntnis nehmen, aber nicht «lesen» können und somit seinen Wert nicht erkennen oder schlicht weil sie zu viel arbeiten müssen, um überhaupt Ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können und deshalb Kultur gar nicht erben können? Der Zugang zum kulturellen Erbe ist ein wichtiger Faktor von kultureller Teilhabe. Letztere bedeutet weiter, Deutungshoheit abzugeben und Unsicherheiten auszuhalten. Das heisst vielleicht auch Konfrontation, Konsternation oder Frustration. Es beinhaltet aber ebenso Begeisterung und gegenseitiges Voneinander-Lernen. Und es bedeutet, sich der Verantwortung bewusst zu werden, die man gegenüber den nächsten Kulturerbinnen und -erben hat und entsprechend zu handeln.

Wenn wir der Meinung sind, dass Kulturerbe ein Allgemeingut ist, an dem alle Menschen dieselben Rechte haben, so müssen wir als Gesellschaft offen sein für den Lernprozess, wie wir Teilhabe – nicht nur kulturelle, sondern auch soziale und politische – schaffen können. Und wir müssen ihm die Wichtigkeit einräumen und die Offenheit entgegenbringen, die er verdient.

Seraphine Iseli, Wissenschaftliche Mitarbeiterin NIKE